Buschgotthardshütten, du fehlst mir doch sehr!

Auszüge aus den Erinnerungen von Rüdiger Fries

Buschgotthardshütten! Ich muss bekennen: Meine Beziehung zu dem Ort ist widersprüchlich und gebrochen. Die Probleme fangen schon bei der Frage der richtigen Bezeichnung an:

Buschgotthardshütten oder Boschgotthardshütten?
Buschgotthardshütten oder Buschgotthardshütte?
Boschgotthardshütten oder Boschgotthardshütte?
Buschgotthardtshütten oder Boschgotthardshütten?
Boschgotthardtshütte oder Buschgotthardtshütte?

Die richtige Bezeichnung für die frühere Ortschaft ist „Buschgotthardshütten“. „Boschgotthardshütten“ ist der mundartliche Ausdruck. „Boschgotthardshütte“ war und ist die Straßenbezeichnung. Buschgotthardshütten war früher einmal eine eigenständige Gemeinde. Das Ende der Selbstständigkeit kam zum 1. August 1937. Buschgotthardshütten wurde aufgeteilt. Die Stadt Siegen erhielt einen Anteil von 104 Hektar. Den größeren Teil (143 Hektar) bekam die Gemeinde Weidenau zugesprochen. Schon 1902 musste die Gemeinde Buschgotthardshütten den Wellersberg an die Stadt Siegen abtreten.

War es ein schöner Ort oder war alles eher unansehnlich, verbunden mit Lärm, Gestank? Fachwerkidylle oder Fabrikunwirtlichkeit? Gehörte ich dazu oder gehörte ich nicht dazu? Ja, ich gehörte dazu! Es war der Geburtsort meines Vaters. Hier war er aufgewachsen. Nein, ich gehörte nicht dazu! Ich wuchs oberhalb der Ortschaft in der Kriegsversehrtensiedlung am Tiergarten auf und meine Mutter war als „rheinische Frohnatur“ aus Neuwied nach Siegen gekommen. Sie musste sich an die Lebensart der Ureinwohner erst noch gewöhnen. Ja, ich gehörte doch dazu, denn die Ortschaft bildete den Hauptabschnitt meines Schulweges. Alles schön widersprüchlich! Dennoch: Wenn ich heute unter der Hüttentalstraße stehe und das Ergebnis der Verwandlung betrachte, sagt mir mein Herz: Buschgotthardshütten, du fehlst mir doch sehr!“ (S. 42f.)

… „Der Weg durch Buschgotthardshütten, der ältesten geschlossenen Industriesiedlung des Siegerlandes, war der schönste und abwechslungsreichste Abschnitt meines Schulweges. Die alten, zauberhaften, mit Ornamentschnitzereien an Balken und Türen versehenen Fachwerkhäuser am Fuße des Berghangs, auf dem der Förderturm II der Grube Neue Haardt errichtet worden war, luden zum Verweilen ein. Heute verstellt die Hüttentalstraße mit ihren Stahlbetonpfeilern den Blick, und es gibt fast nichts mehr, das zum Innehalten einlädt. Es ist ein Ort, den man schnell wieder verlassen möchte und an dem die Sünden städtebaulicher Planung besonders krass in Erscheinung treten. Der Abriss des einzigartigen und für die Industriegeschichte des Siegerlandes so bedeutsamen Dorfes, in dem über viele Generationen Gewerke, Hütten- und Bergleute zu Hause waren, begann 1969. Buschgotthardshütten musste dem Bau der Hüttentalstraße weichen. Siebzehn denkmalwürdige Fachwerkhäuser verschwanden und nichts bis auf eine Gedenktafel, die Günter Dick entworfen und montiert hat, erinnert heute an die Fachwerkidylle von damals. In Abwandlung des berühmten Ausspruchs Wilhelm von Humboldts – ‚Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft‘ – steht auf der Erinnerungstafel: ‚Wer keine Vergangenheit hat, hat auch keine Zukunft!‘“ (S. 58)

… „Nicht alles in Buschgotthardshütten war eitel Sonnenschein, idyllisch und anziehend. Als sehr unangenehm empfand ich oftmals den teils unerträglichen Gestank, den die Abwässer, die in den Hüttengraben und die Ferndorf geleitet wurden, hervorriefen. Nach der endgültigen Entscheidung im Jahre 1969, dass die Ortschaft der Hüttentalstraße weichen sollte, verließen immer mehr Bewohner Buschgotthardshütten und suchten sich ein neues Zuhause. Die meisten Häuser befanden sich Ende 1969 schon im Besitz des Straßenneubauamtes. In den 1970er Jahren bis zum Abriss der Häuser verfiel der einst idyllische Ort zunehmend und war nicht mehr so schön anzusehen.“ (S. 64f.)

Impressionen

Fotos ohne Bildnachweis aus dem privaten Fotoarchiv von Rüdiger Fries.

Infos

Die Auszüge aus den Erinnerungen von Rüdiger Fries wurden im Eigenverlag unter dem Titel „Mein Schulweg“ im Frühjahr 2020 publiziert.

Lageplan

Schlagworte

Autor: Rüdiger Fries

1952 in der Kriegsversehrtensiedlung am Wildgehege in Weidenau geboren, wurde Rüdiger Fries später in die Herrenfeldschule im damaligen Schulweg, heute Schneppenkauten, eingeschult. Von seinem Elternhaus bis zum Schulgebäude musste er eine Strecke von 1,1 km zurücklegen. Dabei durchquerte er unter anderem den Ortsteil Buschgotthardshütten, eine alte Industriesiedlung mit Ursprüngen im 15. Jahrhundert. 40 Jahre später gab ein bevorstehendes Klassentreffen Rüdiger Fries Anlass, seinen alten Schulweg noch einmal gedanklich Revue passieren zu lassen. Der Arzt im Ruhestand begann zu recherchieren und förderte in detektivischer Arbeit Bilder und Anekdoten zu Tage, die er 2020 in dem Buch „Mein Schulweg“ veröffentlichte. Die persönlichen Erinnerungen von Rüdiger Fries sind Nachbarn und Familie gewidmet, aber auch einem historischen Ort, der mit dem Bau der Hüttentalstraße (HTS) unterging.

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