Kinder, Fliegeralarm!

"Gut, dass dieser Spuk bald vorbei ist!"

Hans-Peter Fries erinnert sich an seine Kindheit während der Kriegszeit, veröffentlicht am 08. Mai 2020

Meine Eltern wohnten seit 1938 an der Fürst-Moritz-Straße 16, wo sich heute der Durchgang zur Bahnhofstraße befindet, in unmittelbarer Nähe des Herrengartens.
Mein Vater Alfred Fries, der Torwart der legendären Handballmannschaft der Sportfreunde Siegen (Deutscher Vizemeister 1930), war zur Zeit des Bombenangriffs als Soldat im Kriegseinsatz an der Front. Meine Mutter Gertrud erlebte den furchtbaren Angriff mit ihren vier kleinen Kindern „mittendrin“ – genau drei Tage nach dem vierten Geburtstag von meiner Zwillingsschwester und mir.

Im Opel Blitz durch die verwüstete Stadt

Bis dahin war der schöne Herrengarten ein oft und gern aufgesuchter Aufenthalts- und Spielplatz. Nur wenige Meter entfernt von unserem Haus befand sich an der Ecke Hindenburgstraße/Fürst-Moritz-Straße ein Tiefbunker. Diesen durften wir aber nicht aufsuchen, da wir Kinder die Masern hatten. Als Zufluchtsort nach dem Fliegeralarm blieb uns somit nur der Luftschutzkeller im Haus, der natürlich nicht ein so sicherer Hort war wie der unterirdische Betonbunker. Der unerbittliche Bombenhagel und der dadurch ausgelöste Feuersturm waren ein grauenvolles Erlebnis, das wir mit unbeschreiblicher Angst, mit Zittern und Beten letztlich unversehrt und glücklich überstanden. Das ganze Haus war durch Bomben völlig zerstört.
Wir wurden von Rettungskräften verdreckt, aber unverletzt aus dem Keller geholt und auf der mit einer Plane überdachten Pritsche eines Opel Blitz auf Umwegen durch die verwüstete Stadt in die Numbach zum Haus eines Onkels meines Vaters gebracht.
Bei der Fahrt durch die brennende Stadt hielt ich die Feuersbrunst zunächst für ein gewaltiges Abendrot, bis mich meine Mutter aufklärte, dass es die Flammen der brennenden Häuser seien. Diese Bilder und das Chaos in den Straßen werde ich nie vergessen – das schlimmste und vielleicht sogar ein traumatisches Erlebnis meiner Kindheit.

Chocolate for the Kids

In der Numbach verbrachten wir die Zeit bis zum Ende des Krieges. Bei Fliegeralarm suchten wir dort einen recht feuchten „Stollen“ auf. Bei unserem letzten Stollenaufenthalt hörten wir aus Richtung Seelbach ein mächtiges Dröhnen, das allmählich immer lauter und unheimlicher wurde. Den Erwachsenen war sofort klar, dass dieses von herannahenden amerikanischen Panzern stammte.
Als meine Mutter erleichtert sagte: „Gut, dass dieser Spuk jetzt bald vorbei ist“, zog ein unbelehrbarer Nazi eine Pistole und wollte meine Mutter „im Namen des Führers“ standrechtlich erschießen. Er wurde zum Glück von Mitinsassen überwältigt.
Alle eilten mit einer weißen Fahne nach draußen. Als wir Kinder vor dem ersten Panzer der Kolonne, die an der Einmündung Numbachstraße/Freudenberger Straße angehalten hatte, standen, öffnete sich die Luke und heraus schaute ein Kopf, wie ich ihn noch nie gesehen hatte: mit fast schwarzer Hautfarbe. Der freundliche Soldat warf den „Kids“ runde Dosen mit roten Deckeln zu, gefüllt mit Schokolade. Auch so etwas hatten wir bisher weder gesehen noch genossen. Leider hinderte uns die Mutter daran, den ganzen Inhalt sogleich zu verschlingen.

„Der frisst aber auch alles“

Nach Kriegsende wurde uns als Ausgebombten eine Drei-Zimmer-Wohnung an der Kurzen Straße zugewiesen. Ein Zimmer unserer Wohnung mussten wir mit Badbenutzung an ein Flüchtlingsehepaar aus dem deutschen Osten abgeben. In einem weiteren Zimmer eröffnete mein Vater, als er im Februar 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, zunächst provisorisch wieder sein Lederwarengeschäft, das an der Marburger Straße im Bombenhagel ebenfalls in Schutt und Asche gelegt worden war.

In dieser notvollen Nachkriegszeit war der Geschäftszweig vorrangig auf den Schuhmacherbedarf ausgerichtet. Um seine Kunden bis weit in den Westerwald und bis ins Hessenland besuchen zu können, vermittelte ihm sein Onkel Fritz Fries, den die Besatzungsmacht nach Kriegsende zunächst zum Bürgermeister von Siegen und schon kurz darauf in Arnsberg zum Regierungspräsidenten bestellt hatte, einen gebrauchten Opel Super 6 (Baujahr 1937/1938). Unserer Mutter war die Entlassung des POW (Prisoner of War) aus der Kriegsgefangenschaft wohl angekündigt worden.
Plötzlich war er dann da, der heiß ersehnte Ehemann. Fortan saß nun ein für uns Kinder völliger fremder Mann, der unser Vater sein sollte, beim Essen vor Kopf mit am Tisch. Ihm gegenüber am anderen Ende saß mein jüngerer Bruder. Er beäugte den neuen Mitesser argwöhnisch, bis ihm der Satz entfuhr: „Der frisst aber auch alles.“

Impressionen

Während die Mutter von Hans-Peter Fries den Krieg mit ihren vier Kindern in Siegen überstand, kämpfte der Vater an der Front (auf dem Foto links im Bild in Russland).
1947 eröffnete der Vater die Lederhandlung Fries in der Kurzestraße (heute Wilhelm-Münker-Straße) auf der Hammerhütte in Siegen und belieferte mit einem Opel Blitz seine Kunden bis in den Westerwald und nach Hessen hinein.

Infos

Martin Gummersbach aus Kreuztal initiierte 2015 anlässlich des 70. Jahrestages des Kriegsendes die AG ZEITZEUGEN. Nach eigenen Veröffentlichungen und Beiträgen startete er einen Aufruf an alle, die die letzten Kriegsjahre und –tage miterlebt haben.
So entstand eine Sammlung von lebendigen Erinnerungen an eine Zeit, deren Folgen auch heute noch sichtbar und spürbar sind.

Martin Gummersbach sagt zu seiner Sammlung:

Heute ist der 08. Mai 2020. An diesem Gedenktag  „75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges“ werden wieder unzählige Gedenkfeiern, Kranzniederlegungen, Kundgebungen und vergleichbare Zusammenkünfte stattfinden, um die Bedeutung dieses Tages in passender Form zu würdigen …
… und das alles ist richtig und wichtig und gut und sinnvoll und vor allem notwendig.

Aber, kaum dass der Tag vorüber ist, wird alles, was in den Wochen vorher und am Tage selbst geredet, geschrieben und betont wird, wieder in den Archiven verschwinden; alle Aktionen sind nur „kurz auf dem Schirm“ und wirken leider nur wenig nachhaltig. Viel zu schnell kehrt der normale Alltag zurück und das Vergessen an die schlimmen Jahre des Krieges gewinnt wieder die Überhand.

Weil ich dieses Geschehen vor fünf Jahren – zum 70. Jahrestag in 2015 – genau so erlebte, habe ich damals über die Siegener Zeitung zu der Aktion AG ZEITZEUGEN aufgerufen; diese Aktion war durchaus erfolgreich. Immerhin haben sich über 50 Seniorinnen und Senioren aus dem Siegerland an das Kriegsende  erinnert, ihre Gedanken zu Papier gebracht und der AG ZEITZEUGEN zur Verfügung gestellt.

Diese schrecklichen Erlebnisse, die bei den Zeitzeugen noch in deutlicher Erinnerung sind, dürfen nicht vergessen werden und müssen nachhaltig aufgearbeitet werden. Der Zeitpunkt, an dem auch der letzte Zeitzeuge gestorben ist, liegt zeitlich nicht mehr weit entfernt. Dann kann niemand mehr aus eigenem Erleben und Erinnern berichten. Deshalb müssen wir heute – und nicht erst morgen – alle noch abrufbaren Informationen  sammeln und aufbereiten, um sie den folgenden Generationen zu erhalten.

In der Zeit nach dem Jahr 2015 haben sich weitere Zeitzeugen bei mir gemeldet. Das hat mich veranlasst, eine zweite ergänzte Auflage aufzulegen, um damit meinen Beitrag zum 08. Mai 2020 zu leisten. Den Mitgliedern der AG ZEITZEUGEN ist daran gelegen, dass sich eine große Zahl von Lesern – möglichst aus den jungen Jahrgängen – mit dieser Thematik befasst und daraus entsprechende Einsichten und Lehren für die Gestaltung ihres eigenen Lebens und der Zukunft ziehen kann.

Anmerkung vom Unser Siegen-Team:
Wenn Sie Kontakt zu Herrn Gummersbach und der AG ZEITZEUGEN suchen, können Sie sich gern bei uns melden. Wir werden Ihre Nachricht an Herrn Gummersbach weiterleiten.

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Autor: Hans-Peter Fries

Hans-Peter Fries wurde 1940 geboren, machte sein Abitur 1960 am Städtischen Gymnasium für Jungen in Siegen und studierte danach BWL in Marburg und Köln. Als Diplom-Kaufmann war er in Marktforschung und Industrie tätig, wirkte sieben Jahre lang nebenberuflich als Lehrkraft an Kaufmännischen Berufsschulen in Köln und Siegen und arbeitete bis zur Pensionierung als Universitätsprofessor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Siegen.
In seiner Freizeit blickt er auf eine über 50-jährige solistische Konzerttätigkeit (Bass-Bariton) im Bereich der Kirchenmusik und in 30 Liederabenden (erfolgreich beim 9. Deutschen Musikwettbewerb für Amateure 2008 in Frankfurt im Fach „Klassischer Gesang“). Ebenso ist er seit 55 Jahren Mitglied der Kantorei Siegen und seit 1954 aktives Mitglied des Tennisclub Siegen.

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1 Kommentar

  1. Hallo Peter,
    danke, dass Du mir diesen Bericht zugesandt hast. Der Angriffstag war mein Geburtstag, den ich auch nicht vergessen werden.
    Alles Gute und lieben Gruß
    Ute

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