Wie der Jazz nach Siegen kam

Klaus Zarmutek erinnert sich an die Anfänge der Siegener Jazz-Szene in den 1970er Jahren

Tanz- und Unterhaltungsmusik gab es im Siegerland schon seit längerer Zeit. Als Beispiele seien genannt:

– der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Siegen/Weidenau von 1928,

– die Melodia Rhythmiker Siegen von 1951 mit Ossi und Gerd Dudek, die als Profimusiker international bekannt wurden, Siegen aber um 1958 verließen,

– das Siegener Tanz- und Unterhaltungsorchester von 1958,

– die Tanzmusikgruppe um Gustav Rieger

– und viele mehr.

Lehrer gründen die „Lämpels“

In Siegen wurde das „Bezirksseminar für das Lehramt am Gymnasium“ eröffnet, ein Meilenstein in der Ausbildungsgeschichte des Siegerlandes. Lehramtsanwärter aus ganz Deutschland kamen hier zusammen, um ihr Referendariat abzuschließen.
Hier traf der Ausbilder und spätere Leiter des Seminars zwei junge Männer, die im Jazz ihr Hobby gefunden hatten: Hans Jürgen Walter und Manfred Schilling. Beide waren am Rosterberg-Gymnasium tätig, wollten eine Band gründen, und Klaus Zarmutek, ihr Ausbilder, ermutigte sie, das zu tun. Er selbst war Jazzfan von Kindheit an, hatte er doch während der Kriegszeit oft heimlich nachts bei seiner Tante den amerikanischen Radiosender AFN gehört.
So entstand 1974/75 die Lehrerband (frei nach Wilhelm Busch) “Lämpels Jatz Orchester“ genannt. Die Band nimmt Klaus Zarmutek, der sich inzwischen ein Tenorsaxophon gekauft hat, und wegen der Lautstärke immer im Hauberg übte, in ihre Reihen auf.

Die Musiker waren damals Hans-Jürgen Walter (Klarinette, Piano), Manfred Schilling (Trompete, Gesang), Bernd Ermert (Posaune), Christian Salomon (Gitarre/Banjo) ✝2019, Klaus Hoffmann (Bass), Jürgen Königs (Schlagzeug), Charly Naumann (Klavier), Wolfgang Dehnen und Klaus Zarmutek (Tenorsaxophon)

Später kamen noch Hartmut Horbach (Trompete, Kornett), Manfred Bautzmann (Gitarre), Steffen Walter (Piano), Werner Petruck (Bass), Thomas Kramer (Bass), Friedhelm Weinbrenner (Klavier) und Henneke Buck (Klarinette) dazu.

In dieser Besetzung spielen die Lämpels bis heute.

Die Jazz-Szene wächst

Die Entwicklung ging weiter. Es gründeten sich Bands, die wie die „Lämpels“ dem Jazz frönten.

Hartmut Sperl (ebenfalls ehemaliger Referendar am Bezirksseminar Siegen) gründete die Big-Band des Evangelischen Gymnasiums, 1979 entstand die Big Band der Universität Siegen unter der Leitung des international bekannten Posaunisten Jiggs Whigham. In den 1990ern gründen H.J. Walter und Klaus Zarmutek die Gruppe “The Pearls“ (Dorle Leipold, Helga Zarmutek, Dorle Jaeschke, Gisi Walter) , 4 Frauen, die wiederum dem Chor “Gospeltrain“ einen swingenden Charakter verliehen. The Pearls spielten bei Ausstellungseröffnungen, Jubiläen und Feiern. Sie gaben viele Konzerte in Deutschland, England und Paris. Bekannt im Siegerland und Umgebung wurde auch das Trio “Klaus & Friends“, später umbenannt in Trio “Cappuccino“ – Swingmusik mit Gerhard Schmidt (Klavier), Manfred Bautzmann (Gitarre) und Klaus Zarmutek (Tenorsaxophon – nach G. Schmidt: Friedhelm Weinbrenner).

Danach entstanden, dem Beispiel „Lämpels“ folgend, die Jeannines Jazzmen, die Krombacher Dixiefriends
und weitere Gruppen der inzwischen entstandenen Musikschule der Stadt Siegen, später Fritz-Busch-Musikschule.

„It sounds like a saxophone“

Eine Episode gehört zum Thema “Wie der Jazz nach Siegen kam“ zum Schluss noch dazu: Im Juli 1987 hatte der inzwischen entstandene Siegener Jazzclub OASE (gegründet 1982) ein Konzert mit dem weltbekannten Tenorsaxophonisten Arnett Cobb und seinem Quartett organisiert. Es fand statt in Siegen-Kaan-Marienborn in einem Zelt auf dem Gelände der Irle-Brauerei.
Arnett Cobb war auf der Durchreise von Den Helder nach Berlin. Das Konzert war ausverkauft.
Als er das erste Stück spielte, machte es “klick“, eine Schraube am Saxophon hatte sich gelöst und war runtergefallen. Nichts ging mehr. Entsetzen bei Arnett Cobb, Enttäuschung beim Publikum. Da sprang ein Zuhörer auf und rief: „Ich besorge eins“.
Er rannte zu seinem Auto, raste nach Flammersbach, wo er wohnte, nahm sein Saxophon und brachte es zu Arnett Cobb. Der nahm es dankbar an, blies einen Ton, und sagte (Zitat): „It sounds like a saxophone“. Dann spielte er ein unvergessenes bluesgetränktes Konzert zu Ende.
Der, dem das Saxophon gehörte, war Klaus Zarmutek. Er solle es in Kunstharz gießen und dem Museum schenken, sagten seine Freunde.
Ein Weltstar hatte auf dem Saxophon eines Siegerländers gespielt – nun war der Jazz in Siegen angekommen.

Impressionen

Bilder aus dem Privatarchiv von Klaus Zarmutek

Tonbeispiele

Lämpels Jatz Orchester – Bei Mir Bist Du Schön (S. Secunda & J. Jacobs)
Lämpels Jatz Orchester – Sunday Afternoon (K. Zarmutek)
The Pearls & Lämpels Jatz Orchester – Mr. Sandman (P. Ballard)

Mit freundlicher Genehmigung von Lämpels Jatz Orchester und The Pearls

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Autor: Klaus Zarmutek

Klaus Zarmutek wurde am 16.12.1937 in Olpe geboren. Wenig später zog die Familie nach Siegen. An seinem 7. Geburtstag verlor Klaus Zarmutek sein Zuhause. Es wurde in der verheerenden Bombennacht vom 16.12.1944 zerstört. Zu Fuß machte sich die Familie auf den Weg zu Verwandten an der holländischen Grenze. Dort machte der junge Zarmutek Bekanntschaft mit dem Radio-Sender AFN und Jazz-Klängen aus den Staaten. Später wieder in Siegen, lernte er Akkordeon und verdiente sich mit Unterhaltungsmusik ein paar Groschen dazu, die Liebe zum Jazz war jedoch im Keim angelegt. Nach dem Englisch- und Sportstudium in Münster begann Zarmutek seine Lehrtätigkeit am Siegener Löhrtor-Gymnasium. In den frühen 70er Jahren wurde er Leiter des Studienseminars, in dem Lehramtsanwärter aus ganz Deutschland auf ihren Beruf vorbereitet wurden. 2020 blickt Klaus Zarmutek auf ein knappes halbes Jahrhundert Jazz-Geschichte in Siegen zurück.

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