Alles gut im Westerwald?!

Eine persönliche Erinnerung an die Nachkriegszeit

Eine Geschichte von Helene Wildenberg – veröffentlicht am 16. März 2020

Im Sommer 1945 war die Versorgung mit Lebensmitteln besonders knapp. Meine Mutter machte mir den Vorschlag nach Willingen in den Westerwald zu fahren, um der Familie Fey, die uns gut bekannt war, bei der Heuernte zu helfen. Eigentlich sollte meine Schwester Christel helfen, aber Christel war bei einem Bombenangriff Ende März im Siebel-Stollen im Obergraben schwer verwundet worden und noch nicht wieder arbeitsfähig. So packte ich meine Reisetasche und fuhr mit dem Fahrrad von unserer Wohnung im Oberen Schloss nach Willingen. Als ich hinter Burbach die Lipper Höhe erreicht hatte, sah ich rechts und links von der Landstraße überall Trümmer liegen von Flugzeugen, Wehrmachtsanlagen und anderes Kriegsmaterial, da kam der ganze Jammer des Lebens über mich. Städte zerstört, Stelle verloren, ich hatte ja auch nette Kolleginnen und Kollegen in den fünf Jahren gehabt, alles auseinander gerissen. Und nun sollte ich als Hilfskraft bei einem Bauer arbeiten?

Endlich einmal satt essen

Von der Landwirtschaft hatte ich doch keine Ahnung, ich hatte noch nie eine Heugabel in der Hand gehabt. Das war hart. Da sind Tränen geflossen. Ich kam an und wurde gleich auf die Wiese geschickt mit dem Heurechen. Die Tochter des Hauses war mit ihrem Vater schon fleißig bei der Heuernte. Sie empfing mich sehr freundlich und zeigte mir, wie das Heu gewendet wird. Ich glaube es ging ganz gut. In einigen Tagen hatte ich mich eingearbeitet. Durch das viele Laufen hin und her auf dem manchmal sehr buckeligen Wiesengrund hatte ich abends die Fußgelenke angeschwollen. Nach dem Abendessen ging ich zu dem kleinen Fluss Nister, kühlte meine Füße in dem sauberen frischen Quellwasser. Die Verpflegung war bestens, die Hausfrau war eine gute Köchin. Endlich konnte ich mich hier einmal satt essen nach dem langen Verpflegungstagen aus der Gemeinschaftsküche der Luftschutzpolizei.

Eine Nachricht aus Siegen

Nach etwa vier Wochen besuchte mich ein ehemaliger Kollege. Er teilte mir mit, dass der Chef der Polizei und auch seine Mitarbeiter verhaftet worden seien wegen Verschiebung von Lebensmitteln. Sie hatten die von der Bevölkerung abgegebenen Sachen, z.B. die Fotoapparate, die ich schon registriert und aufbewahrt hatte, gegen Lebensmittel der „UNNRA“ getauscht. Die UNNRA war die Hilfsorganisation verschleppter Personen z.B. Fremdarbeiter, Strafgefangene u.a. Diese Personen waren in den Kasernen auf dem Fischbacherberg untergebracht und waren mit Lebensmitteln bestens versorgt durch die Militärregierung. Diese Tauschgeschäfte waren streng verboten. Das war eine Genugtuung. Genau so hatte ich ihn eingeschätzt. Nicht auszudenken, wenn ich bei der Dienststelle geblieben und evtl. in diese Kungelei mit hineingezogen worden wäre. Laut hätte ich jubeln können, als ich diese Nachricht bekam. Ich glaube, der Kollege war extra von Siegen gekommen um mir diese Nachricht zu überbringen. Das Heu war gemacht, meine Schwester Christel löste mich ab, sie war wieder gesund und sollte sich in der guten Luft und bei dem guten Essen erholen. Ich fuhr nach Hause.

16. März 2020

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Helene Wildenberg wurde 1914 in der Numbach in Siegen geboren

Autor: Helene Wildenberg

Helene Wildenberg, geboren am 23.04.1914 in Siegen (Numbach), begann 1946 als Sekretärin in der damaligen Bauschule für Wasserwirtschaft, Kultur- und Tiefbau und für Hochbau zu arbeiten. Die Bauschule ging später in die Ingenieurschule für Bauwesen und letztendlich in die Universität Siegen auf. Für ihr Engagement bei der Umwandlung von der Bau- zur Hochschule erhielt sie 1974 die Bundesverdienstmedaille.

 

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