Die Bombe auf dem Sofa

Ein persönliches Erlebnis des Luftangriffs am 16.12.1944

Eine persönliche Erinnerung von Helene Wildenberg – veröffentlicht am 21. Januar 2020

Am 16.12.1944 befand ich mich auf dem Heimweg von meiner Dienststelle im Rathaus Siegen zum Oberen Schloss; hier wohnte ich mit meinen Eltern und zwei Schwestern. Als ich gerade auf der Höhe der Nikolaikirche war, gab es Fliegeralarm und kurz darauf „akute Luftgefahr“. Schnell lief ich über die Burgstraße nach Hause und bat meine Eltern sowie die Frau des Hausmeisters, Frau Krebs, schnell zum Bunker Burgstraße zu laufen. Sie erreichten ihn glücklicherweise noch vor den Bombenabwürfen. Meine Schwestern und ich blieben zu Hause. Wir waren sorglos, denn bis dahin war Siegen von größeren Luftangriffen verschont geblieben.

Plötzlich hörten wir ein unheimliches Rauschen, Brummen und Sausen und schon fielen Spreng- und Brandbomben. Das Haus wurde schwer erschüttert, Fenster und Türen flogen auf, Fensterscheiben zersplitterten und große Mengen Staub und Schmutz hüllten uns ein. Wir rannten in eine Ecke des Zimmers, zusammengedrängt und voller Angst. Nach 10 Minuten wurde es stiller. Die Flugzeuge entfernten sich. Wir liefen in den Schlosshof, um zu sehen, was um uns herum passiert war. Aus der Hausmeisterwohnung im Dachgeschoss sahen wir Rauch aufsteigen, schnell liefen wir nach oben, um das Feuer zu löschen, was uns auch gelang.

Bei der Luftschutzpolizei dienstverpflichtet

Es stellte sich heraus, dass eine Brandbombe das Liegesofa getroffen hatte, das Möbelstück war sofort in hellen Flammen aufgegangen. In einem anderen Zimmer lag noch eine Brandbombe, die nicht gezündet hatte und die wir kurzerhand durch das geöffnete Fenster in den Schlossgarten warfen. Dabei sahen wir, dass die Jugendherberge lichterloh brannte – ein Fachwerkbau, der dicht am Turm des Schlosses stand. Vor dem brennenden Gebäude standen einige Herren; wir erfuhren, dass sie zum Italienischen Generalkonsulat in Köln gehörten, das aufgrund der vielen Luftangriffe auf die Domstadt seine Dienstelle nach Siegen verlegt hatte. Ausgerechnet an diesem 16. Dezember 1944 fand der Umzug nach Siegen statt. Die Möbel und Einrichtungsgegenstände sollten gerade eingeräumt werden, als der Luftangriff auf Siegen erfolgte. Die Jugendherberge brannte in kurzer Zeit bis auf die Grundmauern nieder. Nachdem aber nun am Schlossgebäude keine weiteren Schäden zu sehen waren und die Familie in unserer Wohnung wieder vollständig zusammen war, eilte ich zurück zu meiner Dienststelle, denn ich war bei der Luftschutzpolizei dienstverpflichtet und hatte mich im Falle eines Luftangriffes sofort zum Einsatz zu melden. Die Luftschutzleitung war im Bunker Kaisergarten an der Sandstraße. Ein Einsatz dort war aber nicht möglich, denn es brannte ja überall und so konnte ich wieder nach Hause gehen. Dort angekommen war alles in großer Aufregung. Die Turmhaube des Schlosses brannte. Der italienische Generalkonsul übernahm die Leitung der Löscharbeiten. Es wurden Eimerketten gebildet; das Wasser konnte glücklicherweise direkt aus dem Schaubergwerk geholt werden, in dem sich Grundwasser angesammelt hatte. Alle halfen mit, das Löschwasser zur Feuerstelle zu befördern.

Ein Nachtlager für die Kinder

Der Brand der Turmhaube an diesem Tag hat auch in anderen Berichten Eingang gefunden, etwa in dem des Landrats a.D. Dr. Büttner „Krieg und Elend im Siegerland“ Seite 29: (…) „Ich ging über die Hindenburgstraße und die Hindenburgbrücke und dann, in großer Eile durch die Sandstraße mich möglichst immer auf der Mitte der Straße haltend, denn hüben und drüben stürzte von den brennenden Häusern Gebälk und von allen Ecken drohte Gefahr.

Etwa an der Grenze von Siegen und Weidenau musste ich einmal wegen des schweren Gepäcks Rast machen und schaute zurück in die Feuerglut der Oberstadt. Unauslöschlich steht mir das schaurige Bild des brennenden Dachstuhls des Schlossturms am Oberen Schloss vor Augen. (…)“

Ja, der Dachstuhl des Turms brannte, aber durch den mutigen Einsatz der Angehörigen des Konsulates und der Menschen, die zu jener Zeit im Schloss lebten, konnte das Feuer gelöscht werden.

Aber als wir zur Ruhe gehen wollten nach diesem so grauenvollen Tag, sahen wir zwei Frauen und drei Kinder im inneren Schlosshof stehen, es war schon bald Mitternacht. Sie waren mit den Konsulatsangehörigen nach Siegen gekommen, hatten Quartier im Hotel Kaisergarten bestellt, das aber durch den Bombenangriff zerstört war. Wir haben ihnen unser Wohnzimmer, das sehr groß war, für diese Nacht zur Verfügung gestellt, so dass wir für alle, besonders für die Kinder, ein Nachtlager bereitstellen konnten.

Hintergrundinformationen zum Luftangriff auf Siegen

Am Samstag, dem 16. Dezember 1944, ereignete sich der erste große Luftangriff der Alliierten auf Siegen. Bei dem nur wenige Minuten andauernden Bombardement wurde die Siegener Altstadt beinahe völlig zerstört und 348 Menschen kamen ums Leben, darunter 32 ausländische Gefangene, die in Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten. Das Ereignis hat als Tragödie Eingang in die Stadtgeschichte sowie das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung gefunden und ist bis heute Gegenstand erinnerungskultureller Debatten. Weiterlesen

Quelle: www.wiki.zeitraum-siegen.de / Beitrag „Bombenangriff auf Siegen am 16. Dezember 1994“ von Matthias Opitz

Impressionen

Helene Wildenberg erinnert sich an den 16.12.1944. Zu dieser Zeit lebte sie mit ihrer Familie in einer Wohnung im Oberen Schloss. Dort erlebte die damals 30jährige zusammen mit ihren Schwestern den Luftangriff. Ihre Eltern bat sie in den Bunker an der Burgstraße zu gehen. Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Dirk Herrmann (4., 5. Bild) sowie Eva-Nadine Wunderlich (Bild 1-3)

Lageplan

Schlagworte

Helene Wildenberg wurde 1914 in der Numbach in Siegen geboren

Autor: Helene Wildenberg

Helene Wildenberg, geboren am 23.04.1914 in Siegen (Numbach), begann 1946 als Sekretärin in der damaligen Bauschule für Wasserwirtschaft, Kultur- und Tiefbau und für Hochbau zu arbeiten. Die Bauschule ging später in die Ingenieurschule für Bauwesen und letztendlich in die Universität Siegen auf. Für ihr Engagement bei der Umwandlung von der Bau- zur Hochschule erhielt sie 1974 die Bundesverdienstmedaille.

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1 Kommentar

  1. Was für eine eindrucksvolle, berührende und bewegende Geschichte einer Zeitzeugin! Danke, Frau Wildenberg!
    Ingrid Tielsch

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