Gefahr im Fünf-Meter-Raum

Hochspannung im neuen Leimbachstadion

Ernst Göckus erinnert sich an ein legendäres Spiel der Sportfreunde Siegen vom März 1959, veröffentlicht am 26.Juni 2020

Zu den Klängen des River-Kwai-Marsches laufen sie ein: Tabellenzweiter FV 09 Hombruch, aus einem Dortmunder Vorort, Deutscher Amateurmeister von 1958; in Rot-Schwarz und die Siegener Sportfreunde in ungewohntem Blau mit ihrem Kapitän Herbert Schäfer. Vor gut 1 ½ Jahren hatte Hombruch das Eröffnungsspiel im neuen Leimbachstadion knapp gewonnen, mit Amateur-Nationalspieler Prothmann als Mittelstürmer.
Beide kennen sich gut aus dem langjährigen Fußballgeschäft, heute stehen sie sich direkt gegenüber mit Herbert Schäfer als Mittelläufer. Es ist ein sonniger Tag Mitte März 1959, als der Schiedsrichter aus Rheinland-Pfalz das Spiel anpfeift.
Der Uhrzeiger hat nur wenige Umdrehungen gemacht, da unterläuft einem Hombrucher Abwehrmann ein Handspiel im eigenen Strafraum. Der Schiedsrichter – über dessen Leistung noch näher zu berichten sein wird – verlegt den Tatort jedoch an die Strafraumgrenze, von wo der Ball ans Außennetz dreht.

Die falsche Entscheidung
Kurz darauf jedoch erfüllt Jubelgeschrei das Stadion. Gerhard Neuser – später Amateur-Nationalspieler und außerdem langjähriger Profi bei Schalke 04 – schießt aus kurzer Entfernung zum 1:0 ein.
Wenig später kommen die Hombrucher, welche ein insgesamt gutes Verhältnis mit den Sportfreunden verbindet, billig zum Ausgleich. Ein Angreifer wird kurz vor der Strafraumgrenze regelwidrig gestoppt und der Hombrucher Spieler windet sich raffiniert in den Sechzehn-Meter-Raum. Zum Entsetzen der Zuschauer zeigt der Schiedsrichter auf den berüchtigten Punkt. Der Ball schlägt unhaltbar im oberen Eck für den guten Siegener Torwart Werner Steffe ein.
Nach einer kurzen Flaute übernimmt Siegen, Deutscher Amateurmeister von 1955, wieder die Initiative und erzielt den Führungstreffer. Der Schiedsrichter annulliert dieses Tor jedoch wegen angeblicher Abseitsstellung. Die Entscheidung war jedoch grundsätzlich falsch, da der Ball vom Gegner kam und damit die Abseitsstellung aufgehoben war.

Eine böse Vermutung

In der Halbzeit drehe ich mit einem Klassenkameraden die obligatorische Runde auf der Stadionkrone.
„Die Siegener werden ja dauernd benachteiligt“, hören wir eine bekannte Stimme mit saarländischem Einschlag. Wir drehen uns um und erblicken Oberstudienrat Hermann Meyer, unseren Lehrer in Mathematik und Physik der Klasse 9. Freundlich erwidert er unseren Gruß, schaut aber etwas missbilligend auf unsere Zigaretten.

Nun zurück zum Spiel: Kurz nach Wiederanpfiff bringt Paul Haase mit einem Gewaltschuss das Siegener Torgebälk, damals wirklich noch aus Holz, zum Zittern. Wenig später erkennt der Schiedsrichter auf Foulelfmeter für Siegen, es riecht hierbei etwas nach Konzession. Manfred Bald bezwingt den aus einer bekannten Fußballdynastie stammenden Torhüter Burgsmüller.
Kurze Zeit später geht Torwart Werner Steffe bei einer brandgefährlichen Situation im Fünf-Meter-Raum zu Boden. Er spielt nach kurzer Zeit weiter, aber der schlaff herunterhängende linke Arm lässt Böses vermuten. Verletzte Spieler durften damals noch nicht ausgewechselt werden. Nur wenige Minuten später schlägt der Ball im linken Toreck ein.
Nach vielfachem Winken des Linienrichters wird das Tor wegen Abseitsstellung annulliert. In den nächsten Minuten muss Werner Steffe zahlreiche Bälle parieren. Er faustet mit dem rechten Arm, klärt durch Fußabwehr und fängt sogar den einen oder anderen Ball einhändig mit rechts. Einen weiteren Torschuss klärt Verteidiger Klaus Müller – späterer Sportfreunde Kapitän – auf der Linie.

Die erlösenden Tore

Wie eine Erlösung sind die wunderbar herausgespielten Siegtore durch Gerhard Neuser und Rudi Erfurth. In der letzten Minute entscheidet der Schiedsrichter erneut auf Foulelfmeter für Hombruch, über dessen Berechtigung sich keiner im Klaren war.
Diesmal trat der Hombrucher Stürmer an, welcher den ersten Elfmeter herausgeschunden hatte, und schoss natürlich platziert in die vom Torwart aus linke Ecke. Nach dem Endstand von 4:2 hatte sich der Siegener 2 Punkte Vorsprung auf 4 Zähler vergrößert.

Am nächsten Morgen war das Spiel natürlich Thema Nummer 1 in unserer Klasse. Aus der „Sportwoche“ erfuhren wir dann, dass Werner Steffe rund die letzte halbe Stunde mit gebrochenem Arm gespielt hatte.

Im Physikunterricht erklärte uns Oberstudienrat Meyer  am gleichen Tag den Unterschied zwischen Stromstärke und elektrischer Spannung.
„Sind noch Fragen?“, wollte er wissen während er die Messgeräte einräumte.
„Wie fanden Sie denn das gestrige Spiel?“, ertönte es vielstimmig. „Das war Hochspannung und Siegen hat verdient gewonnen“, verkündete er mit naturwissenschaftlicher Präzision.

22.000 Zuschauer

Wenige Wochen später wurde Siegen Meister in der Gruppe 2 der damaligen Amateur-Oberliga Westfalen. Zum Aufstieg in den bezahlten Fußball reichte es jedoch nicht, zumal mehrere Stammspieler verletzungsbedingt in der Qualifikationsrunde fehlten. Diesen Aufstieg schafften sie 2 Jahre später mit Herbert Schäfer als neuem Trainer.
Unter anderem spielte Siegen nunmehr gegen den Deutschen Meister von 1955, Rot-Weiß Essen mit Nationaltorhüter Fritz Herkenrath.
Bei Spitzenspielen kamen bis zu 15.000 Zuschauer ins Siegener Leimbachstadion. Mit über 22.000 Zuschauern gegen den BVB Borussia Dortmund erlebte Siegen einen absoluten Zuschauerrekord im Jahre 1972 in einem Meisterschaftsspiel.

Impressionen

Das Leder rollt schon seit 1957 im Leimbachstadion und sorgt seither für jede Menge Emotionen.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Alexas_Fotos@pixabay.com (Fußball) und Sportfreunde Siegen von 1899 e. V. (Stadion).

Infos

Vom Unser Siegen-Team

Die Bundesliga, so wie wir sie kennen, existiert erst seit dem 24.08.1963. Das erste Tor der Bundesliga schoss Timo Konietzka von Borussia Dortmund gegen Werder Bremen.

Vorher gab es mehrere Ligen, die voneinander unabhängig agierten: die Oberligen Nord, West, Südwest, Süd und die Stadtliga Berlin.
Sie wurden zur Bundesliga zusammengefasst,  doch die Zusammensetzung der teilnehmenden Mannschaften war stark umstritten. Viele Gründungsmitglieder spielen längst in niedrigeren Ligen, andere Bundesligisten wie etwa der FC Bayern München oder Borussia Mönchengladbach und Bayer 04 Leverkusen wurden bei der Gründung nicht berücksichtigt.

Im weiteren Verlauf gab es immer wieder Regeländerungen und –anpassungen, aber auch die Struktur der Bundesliga erfuhr mehrere Veränderungen. Die Kommerzialisierung der Bundesliga begann etwa in den 1990er Jahren.

In der Saison 2019/2020 spielen die Sportfreunde Siegen in der Oberliga Westfalen (heute 5. Liga), im März 1959 beendeten sie die Saison auf dem 2. Platz der Verbandsliga Westfalen (3. Liga).
Mehr Informationen über die Sportfreunde Siegen und das Leimbachstadion gibt es auf der Homepage: Klick.

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Autor: Ernst Göckus

Oberstudiendirektor Ernst Göckus leitete bis zu seiner Pensionierung das Weiterbildungskolleg der Stadt Siegen und ist Vorstandsmitglied und Pressesprecher des Seniorenbeirats der Stadt Siegen.
In seiner Freizeit hält er sich mit Langstreckenlauf fit und erholt sich mit klassischem Jazz und Lesen. Außerdem ist er Mitglied im Ältestenrat der Sportfreunde Siegen.

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