Übers Kölsche Heck nach Seje

Eine persönliche Kindheitserinnerung an die Einkaufsfahrten nach Siegen

Eine Geschichte von Angela Rodriguez – veröffentlicht am 16. Februar 2020

Wir wohnten am Kölschen Heck auf Sauerländer Seite, und jedes Kind der 1950er wusste hier, was das Kölsche Heck war: die alte Grenze aus frühen Zeiten zwischen Hessen-Nassau, dem Siegerland, und Kur-Köln, dem Sauerland. Siegerländer und Sauerländer waren sich in alten Zeiten nicht immer ganz „grün“. Da war von Vieh-Klauerei und handfesten Auseinandersetzungen wegen Schweinetrieb, Holzraubbau und Überschreitung der Grenze in verschiedener Hinsicht die Rede. Sauerländer nahmen auch immer gern die Siegerländer wegen ihrer speziellen Mundart mit dem „Pellkartoffel-R“ auf´s Korn, und entsprechende „Sejerlänner“-Witze wanderten von Mund zu Mund.
Aber trotz gewisser Vorurteile musste jeder „Kölsche-Heckler“ aus eigener Erfahrung zugeben, dass die Siegerländer gar nicht so „verkehrt“ waren. So gestand man zum Beispiel Neid frei an, wie gut doch der „Sejerlänner Riewekooche“ schmeckte. Am besten warm mit Butter und Marmelade. Außerdem fuhren viele Sauerländer täglich mit der Bahn zu ihren wohl geschätzten Arbeitsplätzen in Siegen oder Umland und hatten über die Arbeit hinaus oft Freunde gefunden.

Fein herausgeputzt für die Bahnfahrt

Mein Vater brachte mir schon früh – so im Alter von vier, fünf Jahren – die Stadt Siegen und das Siegerland theoretisch und praktisch nah. Er erzählte von früheren Zeiten und, was mich sehr verwunderte, war, dass er dann scheinbar problemlos in Siegerländer Dialekt verfiel. Zumindest hörte es sich so an. Praktisch fuhr er einmal die Woche mit mir per Zug nach Siegen. Diese Tage waren immer Höhepunkte meiner Kindheit.
Für die Bahnfahrt nach Siegen wurde ich fein herausgeputzt. Blanke Schuhe, weiße Strümpfe und sorgfältig frisiert. Meine Frisur, eine Tolle mitten auf dem Kopf, habe ich als Kind immer gehasst. Bei irgendwelchen „offiziellen“ Anlässen wurde dann auch noch am hinteren Ende der Tolle entweder eine weiße oder rote breite Schleife unübersehbar drapiert. So jedes Mal, wenn mein Vater mit mir in den 1950er Jahren mit der Bahn nach Siegen fuhr.
In Siegen Bahnhof angekommen, kam man an dem großen Bahnhofsvorplatz heraus. Mein Vater wandte sich das ein oder andere Mal sofort nach links, ging an den Holz- oder Schieferfassaden kleinerer Geschäfte entlang bis zu einem Herrenfriseur. Der Name ist mir leider entfallen. Draußen über der Tür baumelte ein hochglänzender Silberteller, das Zeichen der Barbiere. Das Geschäft war aufgrund dessen immer weithin sichtbar. Der Friseur war sehr kinderlieb und immer persönlich zugewandt: „Da ist ja die Kleine! Wer hat dich denn so hübsch gemacht?“ „Mama“, gab ich leise von mir. „Schau mal, was ich hier habe“, sagte er dann und reichte mir eine Süßigkeit.

Hier lässt sich „schwätze“

Nachdem er meinem Vater einen Platz auf einem drehbaren ledernen Friseurstuhl angewiesen hatte, nahm der Friseur mich hoch und setzte mich – sofern denn frei – auf einen anderen hohen Friseurstuhl neben meinen Vater. Von hier aus konnte ich sowohl die flinke Handwerkskunst des Friseurs als auch im Spiegel hinter mir den Salon und mein eigenes Spiegelbild mit der verhassten Schleife betrachten. Langweilig war es nie.
Das Friseurgeschäft war ein Treffpunkt für Männer zum „Schwätze“. Wartende Herren, der gerade bediente Kunde und der Friseur unterhielten sich immer angeregt. Im Sommer auch bei offener Ladentür. Jeder beteiligte sich an der Unterhaltung. Jeder hatte eine Bemerkung parat. Und fast jeder Mann, der draußen entlang ging, steckte kurz seinen Kopf herein, grüßte den Friseur laut und freundlich und fragte nach seinem Wohlergehen. Er war wohl sehr bekannt in der Umgebung.
Damit es mir bei dieser doch länger dauernden Rasier- und Haarschneide-Prozedur nicht langweilig wurde, durfte ich manchmal auch allein auf dem Bürgersteig vor dem Laden herumlaufen. Hier gab es viel zu bestaunen für ein kleines Kind vom Lande.

Am Kiosk: allerhand interessante Sachen

Lastwagen, Busse, einige große Personenautos ratterten vorbei. Zwischen drin Leute, die aus dem Bahnhof geströmt waren oder auf einen Bus warteten. Die Fassaden und Schaufenster diesseits und jenseits des Bahnhofs erweckten immer wieder mein Interesse. Das Getümmel auf der Straße und dem Bahnhofsplatz hätte ich mir stundenlang anschauen können. Manchmal überquerte ich auch Straße und Platz bis zur Mitte. Das stand nämlich ein Holzbüdchen, ein Kiosk, mit allerhand interessanten Sachen für Kinder und Erwachsene. Zeitschriften und Zeitungen im Pack auf dem Tresen, Postkarten von Siegen übereinander im Ständer, große und kleine Wanderkrückstöcke in einem Eimer, hinter den Fensterscheiben Rauchwaren, Zigaretten, Zigarren, Tabak, Kautabak, Schnupftabakdosen, aber auch Väschen, Püppchen, Mecki-Figuren, Andenken, sonstiger Nippes und Süßigkeiten.
Natürlich weckte all das Begehrlichkeiten bei einem Kind. Mein Vater konnte meinen Bitten nie widerstehen und kaufte mir jedes Mal eine Kleinigkeit, die ich selbst aussuchen durfte. Einmal bekam ich einen Kinder-Krückstock und eine Blechplakette zum Aufnageln, ein anderes Mal eine kleine Vase, ein Puppenstuben-Püppchen oder „meinen“ geliebten Mecki. Den gab es übrigens nur dort, meinte ich.
Mein erstes rotes Dreirädchen bekam ich auch in Siegen – an Reichwalds Ecke. Es wurde schon im Geschäft fahrtüchtig gemacht und an meine Größe angepasst. Ich konnte dann stolz bis zum Bahnhof radeln. Ach ja, auch meine Hudora-Rollschuhe bekam ich in den 1950er Jahren bei Reichwald.

1 x im Jahr: Herrenausstattung in der Oberstadt

Einmal im Jahr ging es zu Fuß den Burgberg, die Kölner Straße, hinauf. Denn einmal im Jahr kleidete mein Vater sich neu ein, oder besser gesagt, ließ sich einkleiden. Die besondere – für meinen Vater die beste – Adresse vor Ort war der Herrenausstatter Bender. Er residierte in einem repräsentativen Geschäft etwa zur Hälfte des Weges den Berg hoch. Der Empfang war sehr zuvorkommend und freundlich, ja vornehm. Schon an der großen Glastür empfing uns ein schick und akkurat gekleideter Herr.
„Guten Tag, der Herr! Womit kann ich dienen? Was führt Sie zu uns?“ Er geleitete uns dann die Treppe hoch und wies auf eine Reihe Anzüge. „Hierher der Herr, bitte!“
Als „liebes“ Kind wurde ich auf einen Stuhl gesetzt und sah zu, wie mein Vater in wechselnden Anzughosen und Jacketts mit handgeschriebenen Kartonpreisschildchen vor einem Spiegel posierte, bis ein Anzug gefiel. Der elegante Herr beriet sachkundig. Und es dauerte und dauerte.
„Diese Farbe kann ich Ihnen nicht empfehlen. Sie passt nicht zu Ihrem Typ“ oder „Schauen Sie mal, dieser Anzug ist jetzt modern“ oder „Dazu müssten Sie braune Schnürschuhe tragen, kürzen müssten wir auf jeden Fall und die Schultern korrigieren. Das wäre kein Problem.“

Nicht ohne das „Angeber-Tüchlein“

Dann erschien der hausinterne Schneider mit verschiedenen Utensilien und einem Meterband um seinen Hals, einem Nadelkissen am Handgelenk. Mit geschickten Handgriffen steckte er den Anzug in Länge und Breite passend ab und notierte alle Maße in einem kleinen Notizbuch.
So umgesteckt und genadelt lag der Anzug dann auf dem Verkaufstresen.
„Eine Auswahl Hemden bringe ich Ihnen gleich! Ihre Hemdgröße, der Herr?“ Bald schon kam der nette Herr mit einem Arm voll Herrenhemden wieder.
Ein Herrenhemd nach dem anderen wanderte – noch in der Celluloid-Verpackung – unter das Revers der Anzugjacke. Mal mit dezenten Streifen, mal ohne Muster, aber immer farblich zum Anzug passend. Eines wurde gekauft. Eine passende Krawatte und das „Angeber-Tüchlein“ – so nannte es mein Vater – kamen dazu. Komplettiert wurde das ganze Ensemble manchmal noch mit einem eleganten Herrenhut, den mein Vater mir Spaßes halber trotz Schleife nun auch noch auf den Kopf setzte.
„Steht Ihnen gut, mein Fräulein, wirklich,“ meldete sich der Verkäufer mit einem Lächeln, „hier ist der Spiegel!“ Ich war der Meinung, Hut ist gut, aber nicht Herrenhut.
Mein Vater sah, wohl auch, weil er den Ratschlägen des Verkäufers vertraute, immer schick in seinen Anzügen aus, fand nicht nur ich. An der Kasse wanderten die nicht zu ändernden Teile in eine Bender-Tüte, obenauf die handgeschriebene Quittung. Die Kasse hatte eine Kurbel an der Seite und gab ein lautes Ring-Ring von sich, wenn sie betätigt wurde. „Die geänderten Teile können Sie selbstverständlich spätestens nächste Woche Mittwoch anprobieren und abholen. Beehren Sie uns wieder. – So, Kleine, das ist noch für Dich!“ Es gab selbstverständlich immer eine Süßigkeit für mich. Der freundliche Verkäufer begleitete uns bis zur Tür und hielt sie uns galant auf. „Auf Wiedersehen, der Herr, einen Guten Tag auch.“ Ich erinnere mich noch ziemlich genau an die warme, ruhige Atmosphäre im Geschäft, keine Hektik, lang andauernde Beratung, freundliche und zuvorkommende Bedienung.

Unter den Arkaden

Etwas weiter oben in der Kölner Straße unter den Arkaden befand sich ein kleines Falke-Strickwaren-Geschäft. Das war die nächste Anlaufstation. Hier gab es wirklich schöne Pullover aus reiner Wolle. Eine freundliche Dame verkaufte sie. Mein Vater suchte sich hier unter Vorlage seines neuen Hemdes zwei passende Pullunder mit V-Ausschnitt aus. Sie gab es in verschiedenen Farben und Mustern. Er trug diese Pullunder jahrelang und hatte eine beträchtliche Kollektion davon zuhause. Sie waren wohl etwas teurer, aber von sehr guter Qualität. Für mich fielen manchmal noch Fäustlinge, eine Strickweste und einmal sogar ein Muff ab.

Eine Lektion in Siegener Geschichte

Auf dem Rückweg zur Siegbrücke und Bahnhof bekam ich meist noch eine Lektion in Siegener Geschichte. An den dicken Mauern des Unteren Schlosses hieß es dann, dass es hier ein Gefängnis gäbe. Ich stellte mir dann eine Zelle mit Eisengitter vor, kahle, kalte Mauern, Brot und Wasser und drin eine frierende Person. Mal erzählte mein Vater mit einprägsamen Worten die Geschichte von Frieder und Henner, den Berg- und Hüttenmännern. Mich interessierte besonders die Grubenlampe.
Auch hierzu wusste mein Vater zu erzählen: von der harten Arbeit unter Tage, von den Gefahren, der Feuchtigkeit, der Dunkelheit und dem Grubengas und dass die Flamme der Grubenlampe flackerte, wenn Gas auftrat. Mal erklärte er, wie der O-Bus funktionierte. Wieder ein anderes Mal erzählte er, dass es einen Hauberg und Kohlemeiler nicht nur im Sauerland gäbe, sondern auch rund um Siegen im Siegerland. So erfuhr ich schon in frühem Kindesalter viel über das Siegerland.

Erst die Sahne, dann die Rückfahrt

Auf dem Rückweg zur Bahnstation besuchten wir meist ein Cafe in der Bahnhofstraße. Wir aßen Torte, tranken dazu Kaffee und eine gute heiße Schokolade mit Sahnehaube, die zuhause nie so schmeckte wie hier. Am frühen Abend fuhren wir in einem Personenzug – damals noch mit „dritter Klasse“ – zurück. Zuhause stand mein Mundwerk nicht still. Ich musste viel und allen über die „große“ Stadt Siegen erzählen und zeigte stolz meine Andenken und „Errungenschaften“ aus Siegen herum.

Tipp der „Unser Siegen“-Redaktion

Einblicke in die Geschichte des Siegener Hauptbahnhofs finden sich u.a. im „Zeit.Raum Siegen“-Wiki. Hier geht’s direkt zur Internetpräsenz.

16. Februar 2020

Impressionen

In ihrer Kindheit für Angela Rodriguez einmal in der Woche mit ihrem Vater von Kirchhundem im Sauerland nach Siegen zum Einkaufen. Die Bahnfahrten über das „Kölsche Heck“ bis zum Siegener Hauptbahnhof sind ihr bis heute in Erinnerung geblieben. Ebenso unvergessen sind viele Eindrücke und Geschichten, die sie als Kind in der 1950er Jahren in der „großen“ Stadt gesammelt und erlebt hat. Foto: Eva-Nadine Wunderlich mit einer Skizze von Karla Wunderlich

Lageplan

Schlagworte

Angela Rodriguez wuchs in den 1950er Jahren in Kirchhundem im Sauerland auf. Einmal in der Woche fuhr sie mit ihrem Vater mit der Eisenbahn nach Siegen zum Einkaufen.

Autor: Angela Rodriguez wurde 1950 in Kirchhundem in der Nachbarregion geboren und verbrachte dort ihre Kindheit. Bis zu ihrer Pensionierung war sie als Lehrerin für Deutsch, Englisch, Politik und Geschichte an der Bertha von Suttner Gesamtschule am Giersberg tätig. In ihrer Freizeit erforscht sie mit Vorliebe die Sauerländer Heimatgeschichte. Das Buch „Ein Jahrhundert Nächstenliebe. Das St. Marien-Krankenhaus in Welschen Ennest“ ist ein Werk, das sie gemeinsam mit Mechthild Velber geschrieben hat.

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1 Kommentar

  1. Habe es mit grosser Freude gelesen und mich wiedererkannt. Ja es war eine arme, aber sehr schöne Zeit, gerade für Kinder vom Land. Danke liebe Angela für die tollen Erinnerungen. GlG. Veronika Navarro

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