Eimerchen her!

Kurz nach dem Krieg am Fischbacherberg

Hubert Gierschmann erlebte den Krieg als Kind und erzählt uns von der Zeit danach, veröffentlicht am 15.05.2020

Aus unserem Stolleneingang sahen wir, dass im gegenüberliegenden Teil der Stadt das zivile Leben wieder begann – Schornsteine rauchten. Wir kehrten in unser beschädigtes Wohnhaus zurück. Unser Leben spielte sich zunächst in der Waschküche ab. Allmählich machten wir auch die Erdgeschosswohnung brauchbar.
Zwischen Möbeln fand ich eine Eierhandgranate und wusste glücklicherweise sofort, was ich in der Hand hatte. Ich zeigte sie meiner Mutter und legte sie in einen Graben gegenüber unseres Hauses.
Einige Schränke, die verschlossen waren, hatte man mittels Holzbeil geöffnet.
Die Wasserleitung war trocken. Wir holten mit Eimern Wasser von einer Quelle im nahegelegenen Wald.
Die Wohnung im Obergeschoss war ausgebrannt und nach oben offen. Unser Vater baute ein flaches Notdach aus Holzbalken und Wellblechen.

Das in unserer Nähe befindliche Lazarett wurde von den US-Streitkräften bewacht. Der dortige Küchenchef war ein Bekannter von uns, Herr Naurot.
Wenn dort genug Nahrung vorhanden war, zeigte er sich am Fenster und rief zu uns: “Eimerchen her!
Wir bekamen Erbsensuppe.

Riewekooche ohne Fett

Ein freundlicher Elektriker des Lazaretts legte aus dem Eingangs-Wachehaus eine Stromversorgung zu uns an die Zählertafel.
In der Nähe des alten Stadtplatzes befand sich ein größeres Gebäude, das Heeresverpflegungslager. Tagelang trat Rauch aus; vermutlich ein Schwelbrand. Wegen der Gefahr einer Rauchgasexplosion wurde das Gebäude nicht geöffnet.
Später gab es von dort Malzkaffee, der angebrannt war und entsprechend schmeckte.
Wir aßen unter anderem Reibekuchen, die man aber nicht als solche bezeichnen konnte, da sie ohne Fett gebacken waren.

Hilfe für den Oberförster

Unser Hausgarten wurde in der Folgezeit mehr als zuvor genutzt. Mit einem Handkarren holten wir Dünger (Pferdemist) aus den Ställen der Fischbacherberg-Kaserne. Später wurde dieser Handkarren genutzt und gut geformte Bruchsteine aus Mauerresten der Fischbacherberg-Kaserne geholt. Mit denen legte unser Vater im Garten die Trockenmauern zum Einfassen der Wege und Beete an.
An einem frühen Abend – wir hielten uns noch in unserer Waschküche auf – kam Oberförster Nolting zu uns. Sein stadteigenes Wohn- und Forsthaus war zerstört. Er hatte aus einer im Wald gelegenen Hütte für Waldarbeiter Tisch und Stühle auf einen großen Karren geladen, um eine Unterkunft zu bestücken. Dabei hatte er sich festgefahren und brauchte Hilfe. Unser Vater ging mit ihm und der Transport gelang.
Anschließend bedankte der Oberförster sich und sagte: “Im Katzenstück sind durch Fliegerbomben Bäume geknickt worden. Die Behörden schlafen noch. Holen Sie sich dort Baumstämme für den Wiederaufbau Ihres Hausdaches”.
Das Katzenstück ist ein großes, weitab jeder menschlichen Behausung gelegenes Waldgebiet*.
Ich denke an den Bomberkommandanten, der seine Bomben über dem unbewohnten Gebiet ausgeklinkt hat! 

Ein neues Dach und Öl aus Bucheckern

Später machten sich Vater, Mutter, Onkel Albert und Tante Frieda mit Sägen auf in den Wald. Die Stämme wurden, ich weiß nicht wie, an den Rand der Horst-Wessel-Str. (Hubertusweg) geschafft und von der Spedition Loeber auf einem  Langholzanhänger mit Zugmaschine zum Sägewerk Kölsch nach Rudersdorf befördert.
Herr Kölsch sagte: ”Wir haben die Zeichnungen noch vom Neubau her.
Das Dach wurde von Zimmerleuten der Firma Kölsch wieder aufgebaut, allerdings nicht wie ursprünglich mit Schiefer, sondern von der Firma Weißgerber zunächst mit Wellblech abgedeckt.

In den Stadtgebieten wurden diverse Tafeln für Aushänge der Militär-Kommandantur aufgestellt.
Lehrer Tuschhoff brachte dort eigenhändig Aushänge an, mit denen er den Wiederbeginn des Schulbetriebes in der Hammerhütter Schule verkündete. Ich hatte wieder Schulunterricht.

Vater wechselte beruflich zum Bahnbetriebswerk. Nach Feierabend brachte er meistens eine Aktentasche voll Steinkohlen mit, die von Dampfloks im angrenzenden Lokschuppen kamen.
Wir erhielten Bahn-Freifahrscheine. Vater reiste nach Lübeck.
Sein Neffe Arthur Heimbach hatte dort in einem fischverarbeitenden Betrieb Arbeit gefunden. Vater brachte eine große Dose Fischöl mit, das für Bratkartoffeln verwendet wurde.
Vater baute eine Ölpresse, ähnlich einem Fleischwolf, einsetzbar auf der Drehbank. Ausgepresst wurden gesammelte Bucheckern.

*Anmerkung von Unser Siegen: Das Katzenstück liegt am Fischbacherberg und ist nicht identisch mit dem Katzenplätzchen am Lindenberg

14. Mai 2020

Impressionen

Nach den Luftangriffen auf Siegen am 16.12.1944 und am 01.02.1945 waren große Teile der Innenstadt zerstört.
Doch die Siegener ließen sich nicht unterkriegen und bauten ihre Stadt nach und nach wieder auf.
Bilder mit freundlicher Genehmigung vom Stadtarchiv Siegen, Bestand 704, Fo 272 und Fo 1617

Infos

Aus der Unser Siegen-Redaktion

Der Hubertusweg am Fischbacherberg hieß während des Nationalsozialismus Horst-Wessel-Straße. Kurz nach der  Machtergreifung der Nationalsozialisten bekamen überall in Deutschland Straßen und Plätze neue Namen: Die Sandstraße hieß damals Adolf-Hitler-Straße, aber auch andere Straßen im heutigen Stadtgebiet wurden im Frühjahr 1933 und in der Folgezeit umbenannt.

Das Stadtarchiv Siegen schreibt dazu:
„Schon unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurden in den meisten deutschen Städten und Gemeinden zum Teil umfangreiche Um- bzw. Neubenennungen von Straßen und Plätzen durchgeführt. Auf diese Weise wurden nicht nur die neuen Machthaber, allen voran Hitler und Göring, geehrt, sondern auch die neuen ‚Helden‘ und ‚Erinnerungsorte‘ des Nationalsozialismus in das Straßenbild eingeführt.“
Quelle: Klick

Auf der Homepage des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe findet man in dem Dokument „Die Straßenbenennungspraxis in Westfalen und Lippe während des Nationalsozialismus“ eine Karte der Stadt Siegen, auf der sämtliche Umbenennungen – und auch die Neubenennungen, wie sie teilweise bis heute gültig sind – eingezeichnet sind.
Zur Karte: Klick

Lageplan

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Autor: Hubert Gierschmann

Jahrgang 1936, geboren und aufgewachsen in Siegen. Dort Lehre und Tätigkeit als Werkzeugmaschinenschlosser. Ingenieur-Studium in Gießen. Berufstätigkeit in Siegen, Offenbach und Köln.

Seine Niederschrift »Der Krieg in Siegen, wie ich ihn erlebte« hat er für die nachfolgenden Generationen seiner Familie verfasst. Von dort kam der Anstoß, sich an das Siegerlandmuseum zu wenden. Teile der Niederschrift wurden in dem Beitrag „Eimerchen her!“ auf Unser-Siegen.com veröffentlicht.

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