Bombenangriff auf den Stollen Ackerstraße in Weidenau

Erinnerungen an das Kriegsjahr 1943

Erich Dechert erzählt, wie er 1943 als Neunjähriger das Bombardement des Stollens Ackerstraße in Weidenau erlebte, in dem er vor dem Angriff Schutz suchte:

„Ich habe noch nie eine Berichterstattung über das Kriegsgeschehen in Weidenau an der Ackerstraße gelesen oder gesehen, obwohl ich dieses Thema verfolge. Auch in dem Buch Nordpol-Richard 4. Aus der Bomben- und Bunkerzeit im Siegerland 1944 – 1945 von Dr. Erich Bäumer ist nichts von dem zu lesen, was ich mit diesem Beitrag in den Fokus rücken möchte. Gewohnt habe ich damals in Weidenau am Vogelsang 5. Geboren wurde ich im August 1934.

Es muss der 3.oder 22. Oktober 1943 gewesen sein, da an beiden Tagen schwere Luftangriffe auf Kassel geflogen wurden.15 bis 20 Personen standen an diesem Morgen um ca. 9 Uhr vor der Bäckerei Wurm an der Känerberstraße Ecke Luisenstraße in Weidenau an. Es gab an diesem Morgen Maisbrot. Plötzlich wurde akute Luftgefahr durch die Sirenen angezeigt.

An dieser Stelle muss ich einfügen, dass es in ca. 50 Metern Entfernung an der Ackerstraße neben dem Haus der Familie Achenbach einen Stollen gab, der sich noch im Bau befand. Der Ausgang des Stollens sollte eigentlich in der heutigen Samuel-Frank-Straße sein – das war er aber nicht. Ein Seitenstollen war in Bearbeitung. Hier sollte ein Notausgang senkrecht nach oben gebaut werden.

Als die Sirene ging, rannten die 15 bis 20 Menschen, darunter der Nachbarsjunge Fritz D. und ich, in den Stollen. Damit wir den Stollen nach der Entwarnung schnell verlassen konnten – wir wollten ja wieder die Ersten beim Bäcker sein – sind wir nur ca. 50 Meter in den Stollen hineingegangen. Dies jedoch wäre uns beinahe zum Verhängnis geworden.

Der Bomberpulk flog in großer Höhe über uns. Offensichtlich hatte die letzte Maschine den Befehl bekommen, etliche Bomben auf die in den Stollen laufende Menschenmenge abzuwerfen. Fünf oder sechs Bomben wurden abgeworfen, eine davon traf den Eingang. Eine Person, die ganz vorne im Stollen stehen geblieben war, wurde getötet. Sonst gab es keine Toten oder Verletzten. Wir zwei Jungen hatten großes Glück: Der Stollen stürzte ein und die Erdmassen fielen bis vor unsere Füße.

Die anderen Bomben fielen auf das Feld unterhalb der Ringstraße und eine mitten auf die Känerbergstraße. Zwei weitere fielen auf das Feld vor dem Löschteich. Gesteinsbrocken flogen durch das offene Schlafzimmerfenster auf das Bett, in dem mein Vater mit einer schweren Lungenentzündung lag.

Durch den Treffer auf die Känerberstraße wurde die Wasserleitung getroffen. Ich weiß nicht, wie viele Menschen verschüttet wurden, vielleicht einhundert. Darunter waren auch zwei Bergleute. Es kam reichlich Wasser in den Stollen, da ja die Wasserleitung getroffen war. So gelangte ausreichend Sauerstoff in den Stollen.

Es waren auch Flakhelferinnen im Stollen, die auf dem Grundstück Silberfuchs in einer Radar- und Flakstation stationiert waren. Diese trösteten uns und wiesen uns darauf hin, dass uns Soldaten von außen zur Hilfe kämen. Im Stollen selbst waren die beiden Bergleute aktiv, um für die verschütteten Menschen einen Ausgang zu schaffen. Nachmittags gegen 16.30 Uhr war der Durchbruch gelungen. Zuerst durften die Frauen mit kleinen Kindern den Stollen verlassen, danach kamen wir. An dem Tag war das Brot zweitrangig geworden.“

4. Dezember 2020

Zum Hintergrund

Angriffe auf Weidenau

Zu den Angriffen auf Weidenau im Zweiten Weltkrieg ist die Quellenlage in Text und Bild äußerst dünn. Zu dem Angriff auf den Stollen an der Ackerstraße im Oktober 1943 gibt es im Stadtarchiv keinerlei Informationen. In Publikationen, die dem Archiv vorliegen, gibt es vereinzelte Hinweise auf Bombenangriffe auf Weidenau im Januar und März 1945. Diese werden im Folgenden zitiert:

Karl Hermann Kurth, Weidenau/Sieg 1888-1966. Beitrag zur Geschichte der Gemeinde/Stadt Weidenau. Weidenau 1967, S. 174f.: „Am 29. Januar [1945] … Schwerer Bomberverband mit Spitze in Ludwig-Richard-5, ein weiterer folgt mit gleichem Kurs. Ein Blick auf die Karte bestätigt die alarmierende Lage: die Verbände fliegen ab Bielefeld Südkurs, sogar leicht Südwest. Es warfen an diesem Morgen nur kleinere Gruppen von Fliegern aus dem zweiten Verband bei uns Bomben, die Mehrzahl flog weiter nach Süden. […] In der Ackerstraße am Känerberg traf eine Bombe den Eingang des Stollens und schüttete ihn zu; am Abend waren alle Eingeschlossenen wieder lebend befreit.“

Krieg und Elend im Siegerland. Das Inferno an der Heimatfront in den 40er Jahren. Siegen 1981: Auf den Seiten 57-60 der Aufsatz „Wochenlang in Weidenaus Friedrich-Flender-Bunker“ mit den Erinnerungen einer Zeitzeugin ab dem 13. März 1945: „[…] war ein besonders schwerer Tag für die Gemeinde Weidenau: der erste Großangriff morgens gegen 9 Uhr auf die Stellungen am Giersberg und Vogelsang sowie um 3 Uhr auf die Ortsmittel. Dabei fielen auch einige Bomben auf den Friedrich-Flender-Bunker. […] So weit man sehen konnte in Richtung Hofstraße-Siegstraße-Feldstraße, war alles aufgerissen und zerstört. Auf dem Bunkerplatz und an den Bunkermauern große Trichter, die Toten hatte man weggeschafft.“ Aufgrund der räumlichen Nähe zur Weidenauer Ackerstraße ist nicht ausgeschlossen, dass auch dieser (wieder?) ins Visier der Angreifer geriet, was aber mit einem Fragezeichen versehen werden muss. Offenbar war der Bunker in der Ackerstraße bereits Ende Januar 1945 bombardiert worden.

Impressionen

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Schlagworte

Zeitzeuge: Erich Dechert

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